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Deutschland - Sachsen-Anhalt - Hof Mücheln
Kapelle Unser Lieben Frauen
Dietrich I. von Brehna schenkt um 1240 seinem Sohn, Dietrich II., der schon dem Templer-Orden angehörte, die Güter Mücheln und Döblitz. Der Hof Mücheln findet als Komturei des Ordens jedenfalls erstmals in einer erzbischöflichen Urkunde aus dem Jahre 1270 dadurch Erwähnung, daß Gero, Komtur des Ordenhofes in Mücheln als Zeuge genannt wird. Die Grafen von Brehna-Wettin fühlten sich dem Ritterorden offensichtlich sehr verbunden, denn Conrad I., Bruder von Dietrich II., schenkte 1269 "zum Besten des hl. Landes dem Meister des Tempelherrenordens und der Gemeinschaft" das Patronatsrecht der St. Petrikirche in Wettin.

Nach der Auflösung des Ordens wurde der Hof Priorei des Mitte des 13. Jahrhunderts gegründeten Ordens der regulierten Chorherren der heiligen Märtyrer von der Buße und gehörte dem Kloster St. Markus zu Krakau. Ab Mitte des 16. Jahrhunderts wechselten mehrmals die Besitzer, die der Kapelle einen neuen Dachstuhl, zwei neue Giebelfassaden errichteten und zwei neue Zwerchhäuser hinzufügten. Anfangs wurde die Kapelle als Tanzsaal genutzt. Ab dem 18. Jahrhundert wurde die Kapelle landwirtschaftlich genutzt, als Viehstall und Scheune.

Die Kapelle

Die wahrscheinlich um 1260 bis 1280 errichtete einschiffige turmlose Hallenkirche nimmt eine Grundfläche von 6 Metern Breite und 14,5 Metern Länge ein und besteht aus einem zweijochigen Saal mit nicht eingezogenem von einer Kalotte gedeckten 5/8-Chor. Die Kirche hat keine exakte Ost-West-Ausrichtung. Der Chor weicht um etwa 27 Grad ab und weist nach Nordosten. Nahe der Nordecke der nach Südwesten gerichteten Giebelwand tritt ein runder Treppenturm zur Hälfte seines Durchmessers aus der Flucht hervor. Neben dem Dach des Treppenturmes, leicht südlich aus der Achse abweichend befindet sich eine schmale hohe Fensteröffnung mit einfachem Sandsteingewände und geradem Sturz.

Alle Werksteine des fast zehn Meter hohen schlanken Baukörpers bestehen aus Sandsteinquadern, die Wandflächen sind aus Porphyrbruchsteinen gemauert. Über einer einfachen Hohlkehle erhebt sich die Außenwand vom Sockel über das aus einer schrägen Platte ohne Unterglied bestehende umlaufende Kaffgesims bis zur Traufhöhe.

Das Äußere ist durch neun Strebepfeiler und neun schlanke Spitzbogenfenster gegliedert. Die hohen Strebefeiler, die den Gewölbeschub aufnehmen, sind um das gesamte Bauwerk gruppiert: vier stehen um die Apsis und jeweils zwei stützen die Südost- und die Nordwestwand. Lediglich an der Südecke wurde auf einen Pfeiler verzichtet, während er an der Nordecke auf Grund der Stabilität verringernden dünnerwandigen Treppenturmes zwingend notwendig war.

Die sieben spitzbogigen Fenster mit Dreipaß-Maßwerk und zwei schmalere Lanzettbogenfenster ohne Maßwerk in der Nordwest- und Südostwand des Westjoches haben Sandsteinleibungen. Während das Kirchenschiff einschließlich der Strebefeiler bis zur Trauhöhe dem ursprünglichen Bestand zuzuordnen ist, wurde während der zweiten Bauphase im 16. Jahrhundert das gesamte Dach einschließlich der Holzkonstruktion erneuert und umgebaut. Über dem Traufgesims erhebt sich ein Satteldach, das an den beiden Schmalseiten durch zweifach gestaffelte leicht geschweifte Backsteingiebel mit einfacher Lisenen- und Simsgliederung und jeweils drei im Dreieck angeordneten Rundfenstern geschlossen wird. Diese Rundfensteranordnung wiederholt sich an den ebenfalls durch Lisenen und Simse gegliederten Giebeln der beiden Zwerchhäuser. Sie bestehen aus Ziegelmauerwerk, besitzen eine kleine Fensteröffnung mit einfachem Vorhangbogen und befinden sich, rechts und links von je einer Gaube flankiert, jeweils über der Mitte der nordwestlichen- bzw. südöstlichen Dachseite. Eine auf älteren Fotografien auf dem nordöstlichen Giebel erkennbare Wetterfahne, die noch in den 1980er Jahren vorhanden gewesen sein soll, trug die Jahreszahl 1526 oder 1576.

Der Hauptzugang führt an der Südostseite unterhalb der Empore ins Westjoch. Eine kleine Pforte an der Nordwestseite ermöglicht den Zutritt zur Kirche im Ostjoch. Bei beiden Türen laufen die einfach profilierten Gewände, die besonders bei der Haupttür im Sockelbereich verwittert und hier 1998 gegen neue Werksteine ausgetauscht worden sind, in einem Spitzbogen zu. Den Tympanonstein über dem Haupteingang ziert ein schlanker, als Blende gearbeiteter Kleeblattbogen. Die Kleeblattform des Tympanonsteines über dem Eingang auf der Nordseite ist dagegen nur noch schwach erkennbar.

Die für die gotische Architektur typische die Dreifaltigkeit symbolisierende Durchdringung von Kreisen und Dreiecke, hier zu einem Kleeblatt zusammengefaßte Kreisausschnitte in einem Dreieck mit gerundeten Schenkeln, galt als Zeichen göttlich-kosmischer Harmonie. Die Tympanonsteine bilden in ihrer Dreigliedrigkeit eine Einheit mit dem Maßwerk der Fenster.

Im Inneren des einschiffigen Bauwerkes wölben sich Birnstabrippen zu den zwei kreuzgewölbten Jochen der Decke. Die Joche und der Chor werden jeweils von einfachen Gurten getrennt. Gewölberippen und Gurte ruhen auf Konsolsteinen in den Ecken der Westwand und des Polygons des Chores sowie auf vier dreiteiligen Konsolsteinen, die sich an den glatten Wänden in den Achsen der Strebepfeiler befinden.

Die Gestaltung der Konsolsteine reicht von einfacher bis detailreich ausgearbeiteter stets variierender Blattornamentik. Die Gewölberippen enden in drei filigranen in der Blätterform sich unterscheidenden Schlußsteinen. Besonders eindrucksvoll ist der Weinblattschlußstein, in dem die sechs Rippen des Chorraumes enden. Farbreste an Konsolsteinen, Gurten, Rippen und Schlußsteinen lassen auf eine frühere polychrome Fassung dieser Bauteile schließen.

An der Westwand liegt erhöht ein spitzbogiger Durchgang zur steinernen um eine geschlossene Spindel rechtsgewendelten Treppe, die zur Empore und zum Dachboden führt. Durch drei übereinander angeordnete schmale Fensteröffnungen im Mauerwerk fällt Tageslicht in den Treppenturm.

Die massive, auf zwei einfachen Kreuzgewölben ruhende Empore umschließt etwa zwei Drittel des westlichen Joches. Die beiden Kreuzgewölbe mit Rippen in den Schildbögen werden voneinander durch einen Gurtbogen getrennt und öffnen sich im Osten in zwei gotischen Arkaden, die von einem in der Gebäudeachse stehenden kantonierten Pfeiler getragen werden. Unterhalb des Gurtbogens ist ein eisernes Zugband angebracht, dessen Anker oberhalb des Arkadenpfeilers aus dem Putz der Arkade hervortritt. Die Rippen des Emporengewölbes ruhen auf sparsam verzierten vorkragenden Konsolsteinen. Die Emporenbrüstung fehlt. Die Westwand weist in Höhe der Empore neben dem Zugang vom Treppenturm - leicht in nördliche Richtung aus der Gebäudeachse abweichend - eine spitzbogige Nische mit Sandsteingewände auf. Vom ursprünglichen Fußboden des Bauwerkes sind nur noch auf der Empore Bruchstücke vorhanden. Im Kirchenschiff wurden deshalb 1998 aus einem anderen Gebäude geborgene Bodenplatten aus Sandstein eingebracht.

In der südöstlichen Chorschräge ist eine aus der Bauzeit der Kapelle stammende Piscina, ein Wasserbecken, das dem Priester zum Waschen der Hände und der heiligen Gefäße während der Messe diente, eingelassen. Wo einst der Ablauf der Piscina in das vorgeschriebene und zweifellos vorhanden gewesene sacrarium, die zur Aufnahme des Weihwassers bestimmte Sickergrube, mündete, ist nicht nachvollziehbar.

An die Piscina schließt sich rechts eine fensterartige Öffnung an, deren linker Teil ihrer Rahmung unmittelbar aus der rechten Seite der frühgotisch profilierten Rahmung der Piscina herauswächst und die auf einem gemeinsamen die Tiefe der Mauer durchdringenden Konsolstein fußenden Bauteile miteinander verbindet. Ein waagrecht eingearbeiteter Sturz trennt die fast quadratische Wandöffnung von dem gemauerten gotischen Bogendreieck.

In der Wand der nordöstlichen Chorschräge befindet sich eine spätgotische Sakramentsnische mit Kielbogen und einfacher Stabrahmung, die wahrscheinlich der Mitte des 15. Jahrhunderts zuzurechnen ist. Der obere Rahmenstab trägt, links von der Bogenspitze ein Steinmetzzeichen.

Die in Resten erkennbaren Wandmalereien des Innenraumes, die eine ehemals farben- und formenreiche Ausmalung der Kapelle erahnen lassen, datieren nach Untersuchungen des Landesamtes für Denkmalpflege Sachsen-Anhalt aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Wohl aus der Zeit der Errichtung des Bauwerkes stammen Matereireste auf dem Putz von aufgefundenen und möglicherweise ursprünglich zur heute verlorenen Emporenbrüstung gehörenden Werksteinen, darunter ein Gesicht von bemerkenswerter Qualität. Dem 15. Jahrhundert dürften die floralen Ausschmückungen der Gewölbekappem zuzuordnen sein. Die figürlichen und floralen Malereien sind ebenso fragmentarisch wie die symbolhafte kreisförmige Ornamentik und gestatten keine Restaurierung. Sie konnten lediglich in dem bestehenden Erhaltungszustand konserviert werden. An der nordwestlichen Wand ist von der Empore aus das Wappen der Grafschaft Brehna, drei rote Seeblätter auf weißem Grund, erkennbar.


Kapelle - Chor und Nordwestseite


Nordwestseite


Grundriss


Eingang auf der Nordseite



Schlußstein


Empore


Sakramentsnische


Maueranker und Malereifragmente

Quelle: Baron, Edmund / Hebestedt, Jörg:
Die Templerkapelle Unser Lieben Frauen in Mücheln bei Wettin

Literatur zur Kapelle: