Anfang des 14.Jahrhunderts wurde der Orden der Tempelritter, der zu frommen Zwecken und hauptsächlich zur
Verteidigung des Christentums im Morgenland gestiftet worden war, seiner ausgebreiteten Macht wegen von mehreren
Regenten hart verfolgt. Hauptsächlich war es Phillip der Schöne, König von Frankreich, und Papst
Clemens V., welche auf die Vernichtung der Templer hinarbeiteten. Ersterer hatte zu diesem Zweck den
Großmeister Molay samt 60 Ritter von der Insel Zypern nach Frankreich gelockt und sie sämtlich in Paris
auf das grausamste hinrichten lassen; letzterer hierauf durch ein Edikt den Orden aufgehoben und dessen Güter
nach Willkür verteilt.
Die übriggebliebenen Ritter, durch so schreckliche Maßregeln eingeschüchtert, zerstreuten sich in
andere Länder, wo sie noch geduldet wurden; doch soweit die geistliche Macht des Papstes reichte, wirkte sie
zum Verderben der Verfolgten. So wurde auch der Erzbischof von Mainz, Peter von Aichspalt, zur Ausrottung der in
seinem Sprengel sich aufhaltenden Ordensritter aufgefordert, und der gehorsame Prälat beschloß, mit
zwölf den Anfang zu machen, welche die Burg Lahneck besetzt hielten.
Eine starke Abteilung erzbischöflicher Truppen schloß unerwartet die Feste ein und forderte die zwölf
Insassen auf, sich sofort auf Gnade und Ungnade zu ergeben. Allein die Ritter, denen das Schicksal ihrer
hingerichteten Brüder vor Augen schwebte, rüsteten sich zur tapfersten Gegenwehr, entschlossen, ihr Leben
teuer zu verkaufen. Eine förmliche Belagerung begann und wurde mit allem Eifer geführt. Den wütenden
Angriffen der Übermacht setzten die Templer jenen kalten Verteidigungsmut entgegen, der nichts erwartete als
der Tod. Mehrere Stürme schlugen die Heldenmütigen ab. Da beschlossen die Erzbischöflichen, von Wut
entflammt, und gestachelt von Scham, daß der ganzen Macht der Belagerer zwölf Ritter zu trotzen vermochten,
einen allgemeinen und letzten Sturm. In dunkler Nacht wurde die Burg von allen Seiten zugleich erstiegen, und obwohl
die ruhmwürdigen Templer Wunder der Tapferkeit vollbrachten, so war ihre Zahl doch viel zu gering, als daß
es möglich gewesen wäre, dem stets wachsenden Andrang der Angreifenden länger zu widerstehen. Bald war
das Haupttor in feindlicher Gewalt, ein Teil der Ritter erschlagen und der Rest zum Burghaus hingedrängt. In
diesem unglücklichen Kampf, einander durch Zuruf ermutigend und an ihre ermordeten Brüder erinnernd, fielen
sie endlich bis auf einen, der, obwohl schon aus vielen Wunden blutend, noch drohend das Schwert emporhielt.
Unterdessen war der Morgen angebrochen, und die Sonne beschien mit ihren ersten Strahlen die blutige Szene des
Burghofes. Da trat der Anführer der erzbischöflichen Söldner von unwillkürlicher Hochachtung und
Bewunderung beim Anblick dieses letzten Kämpfers ergriffen, näher heran und bot ihm Freiheit und Leben,
wenn er die nutzlose Gegewehr einstellen und um Gnade bitten wolle. Aber der Templer, ohne den Antrag einer Antwort
zu würdigen, schleuderte mit letzter Kraft seinen Stahl unter die Gegner, stürzte sich in ihre Lanzen und
hauchte sein Leben aus.