Dr. Norbert Bongartz vom Landesdenkmalamt Stuttgart stellte in einer Expertise vom 22. November 1999 fest, dass das Haus mit Templerorden ursprünglich in Zusammenhang gestanden haben könnte. An einer nur mündlich überlieferten Benennung könne durchaus "etwas dran sein". Er weist darauf hin, dass das Eigentum des Templerordens auf den Johanniterorden übertragen wurde, und dieser sei ja in der Region ansässig gewesen, zum Beispiel in Boxberg-Wölchingen und Mergentheim.
Dr. Weiss vermerkt in der "Geschichte der Brunnenstadt Külsheim" (Band 1, Seite 116) lakonisch: "Die Templer oder Johanniter hatten keine Besitztümer in Külsheim". Zu berücksichtigen ist, dass der berühmte Templerorden im Jahre 1312 vom Papst auf Betreiben des französischen Königs aufgehoben wurde. Da die Tempelritter "Krieger" gewesen sind, könnte man sich vorstellen, dass viele sich einen "Job" suchten, möglicherweise auch bei der Bewachung von Stadtmauern und Toranlagen. Ob ein Templer oder mehrere als Jobsuchende nach Külsheim gekommen sind, um Ritterdienste zu verrichten, zunächst in der Burg, dann im Turm nahe der Stadtmauer, im Templerhaus?
Da die Zahl der deutschen Templer im Vergleich zu den Templern vor allem in Frankreich, aber auch in Spanien und England, eher gering war, ist zu vermuten, dass die deutschen Templer nach der Ordensauflösung in ihren heimischen Gefilden untergekommen sind.
Ob französische Templer nach "Deutschland" gekommen sind, ist zweifelhaft; sie verstanden die deutsche Sprache nicht. Gemäß der Daten von Experten ist das Templerhaus frühestens ab zirka 1350 entstanden. Um die Mitte des 14. Jahrhunderts könnte es, theoretisch, noch aktive "Templer-Krieger" gegeben haben. Die Tatsache, dass kein Tempelritter in einem Külsheimer (oder Mainzer) Dokument nachzuweisen ist, spricht eher gegen die Anwesenheit von Templern in Külsheim.
Dass der Name Templerhaus mündlich überliefert wurde, von Generation zu Generation, über sechshundert Jahre hinweg, scheint mehr als zweifelhaft. Dagegen spricht auch das Ergebnis einer spontanen Umfrage unter mehreren Külsheimer Bürgerinnen und Bürgern, geboren in den zwanziger und dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts, allesamt am aktuellen Zeitgeschehen sehr interessiert: Bis zur Denkmalschutz-Diskussion seit 1999 bzw. bis zu den Zeitungsberichten vor einigen Wochen war ihnen das Templerhaus kein Begriff. Das kollektive Gedächtnis scheint nicht verlässlich zu sein, wie, in einem ganz anderen Zusammenhang, auch eine Umfrage unter vielen Deutschen aus Russland ergeben hat: Kaum einer kennt den Namen des Ursprungsortes seiner Vorfahren in Deutschland. Vergangen sind oft nicht einmal zweihundert Jahre.
Aufschlussreich ist der Name des Templerhauses im benachbarten Amorbach, das, ähnlich wie Külsheim, zuerst den Herren von Dürn, dann der geistlichen Herrschaft von Mainz zugehörig war. Es hat wohl, ähnlich wie in Külsheim, mit dem Templerorden nichts zu tun. Es gab keine Templer in Amorbach. Man weiß inzwischen, dass die Bezeichnung auf einem Irrtum beruht.
Der Historiker Andreas Debon, der im Jahre 1856 ein Beschreibung Amorbachs veröffentlichte, gab einem auffälligen, turmartigen Bau diesen Namen. Eine an diesem Haus angebrachte, bereits sehr undeutlich gewordene Wandmalerei deutete er falsch. Eine männliche Gestalt mit einem Umhang versehen, das Modell einer Kirche in der Hand, deutete er als einen Tempelritter, der auf eine Kirche in Jerusalem hinweist. Später stellte es sich heraus, dass es sich bei der Gestalt um den heiligen Amor handelte, der das Modell der Kirche von Amorsbrunn zeigt. (Fast) alle Besucher des Amorbacher Templerhauses bringen dieses mit dem Templerorden in Verbindung.
Vermutlich ist Debon, wie viele andere, der Faszination des Mittelalters erlegen. In der Zeit der territorialen Zersplitterung sehnten sich die Deutschen nach der nationalen Einheit. Man erinnerte sich der "großen" Zeit der deutschen Kaiser und Könige im Mittelalter. Seinerzeit wurde auch die mittelhochdeutsche Literatur wiederentdeckt, nicht nur Walther von der Vogelweide, sondern auch Wolfram von Eschenbach, der Ministerialer der Grafen von Wertheim war und möglicherweise während eines längeren Aufenthaltes auf der Wertheimer Burg an seinem berühmten Parzival-Roman geschrieben hat. In diesem Roman wird auch auf die "grossen (Kamin)Feuer" von Wildenburg verwiesen.
Das Amorbacher Templerhaus hat einen Kamin, der in seiner Struktur dem Kamin im Palas der Wildenburg gleicht. Im "Parzival" spielen die "templeisen", die Templerritter, eine große Rolle. Sie sind die Gralshüter, die Gralsritter, und auch der Gralskönig ist ein Templer. Die "templeisen" bilden eine christliche und höfische, dem Templerorden ähnliche Ritterschaft, die den Gral gegen jene verteidigt, die nicht zum Gral berufen sind. Der Gral selbst, ein Edelstein von unbestimmter Form, erhält eine wundersame Kraft durch eine kleine weiße Oblate. Eine weiße Taube, das Symbol des Heiligen Geistes, zugleich auch das Wappen der Gralsritter, bringt die Oblate jedes Jahr am Karfreitag vom Himmel auf die Erde und legt sie auf den Gral.
Interessant ist, dass Wolfram von Eschenbach im "Parzival" versucht, die widerstreitenden Welten des "heidnischen" Morgenlandes und des christlichen Abendlandes miteinander zu verbinden. Vorbild könnten die Templer gewesen sein, die Kontakte mit Muslimen nicht scheuten und in Ketzerprozessen um 1300 wegen Sympathien mit den Katharern in Südfrankreich der Ketzerei beschuldigt wurden.
Nun zurück zu Debon, der dem Amorbacher Templerhaus den Namen gab: Sicher kannte er die Zusammenhänge zwischen Wolfram von Eschenbach und Wertheim und der Wildenburg (nur wenige Kilometer von Amorbach entfernt), er wusste auch um den Gralsritter Parzival und dessen Zugehörigkeit zu den "templeisen" - da war es doch zu verführerisch, den Templern in Amorbach eine Heimat zu geben.
Zunächst sei festgestellt, dass beide Städte zur Zeit der Entstehung der Templerhäuser zur Herrschaft des Erzbischofs von Mainz gehörten. Weder beim Amorbacher noch beim Külsheimer Templerhaus kann eine Verbindung zum Templerorden nachgewiesen werden. Die Häuser stammen in etwa aus der gleichen Bauperiode, aus der Zeit der Spätromanik. Beide Häuser zählen zu den ältesten Profanbauten weit und breit. Bei beiden dürfte es sich in der Entstehungszeit um einen Turm gehandelt haben, jeweils um einen gewichtigen Teil der Befestigungsanlage der Stadt (beim Külsheimer Templerhaus beträgt die Mauerstärke zirka 1,1 Meter!).
Auffallend ist sowohl beim Amorbacher wie beim Külsheimer Templerhaus eine große, herrschaftliche Kaminanlage; im Amorbacher Haus ist sie über die Zeit der Jahrhunderte weitgehend erhalten geblieben, während sie in Külsheim nur noch nachweisbar ist. Im Erdgeschoss ist die Form des Kamins in einer großen Nische noch deutlich zu sehen; Experten konnten die Anlage bis in den Dachstuhl verfolgen. Nach einer Restaurierung wird der Kamin in Külsheim als ein wesentliches Charakteristikum des einstigen Turmbaus zu besichtigen sein.
Frappierende Ähnlichkeiten wurden festgestellt zwischen der mächtigen, durch den Parzival-Roman berühmt gewordenen Kaminanlage auf der Wildenburg und der Anlage im Amorbacher Templerhaus. Falls die Vermutung stimmt (die bei einer Begehung mit Külsheims Stadtbaumeister Roland Reichel geäußert wurde), dass beim Umbau des Turms um 1590 in eine Wohnanlage wesentliche Teile des Kamins als wuchtige Fensterumrahmungen zweitverwendet wurden, könnte der Kamin mit den originalen großen Bruchstücken weitgehend rekonstruiert werden.
Wenn Bauexperten eines Tages beide Häuser vergleichen, könnte man erfahren, ob in Amorbach wie in Külsheim die "gleiche Bauhütte" am Werke war. Schließlich hatte in beiden Fällen der Mainzer Erzbischof (oder Beamte seiner Verwaltung) über den Bau zu entscheiden. Das Amorbacher Haus wird als "Wohnturm" angesprochen, das Külsheimer, wegen der unmittelbaren Nähe zur Stadtmauer, als "Torwächterhaus" (wird fortgesetzt).
