Das Siegel SECRETUM TEMPLI
Dieses Siegel hat schon einige Autoren beflügelt. Auf diesem ist innerhalb der auf den ersten Blick geheimnisvollen Umschrift SECRETUM TEMPLI eine merkwürdige, auf schlangenfüßen stehende Gestalt mit dem Kopf eines Hahnes abgebildet. Bei jenem eigenartigen Geschöpf handelt es sicht um den aus der Spätantike bekannten Abraxas. Dieses mit Schild und Peitsche bewaffnete Wesen ist in der griechisch-orientalischen Gnosis eines der Symbole für den »Herrn der Zeiten«, Weltenschöpfer und Erlöser, der »stets verschiedene Namen annimmt und doch immer seltsam unbestimmt bleibt...«. Er wird im allgemeinen als »Aion des Jahres«, als Gott des Weltenjahres,

bezeichnet, denn die seinen Buchstaben entsprechenden Zahlen ergeben nach dem System des Basilides in ihrer Addition die Zahl 365. Der Zahlenwert seines Namens umfaßt somit im übertragenen Sinn das ganze Universum. Des weiteren galt Abraxas bei den Gnostikern der Spätantike als Lichtgott des Guten Agathos Daimon und war der Geheimname Gottes schlechthin.
Doch soll die Frage, was denn eigentlich ein christlicher Ritterorden mit jenem Symbol aus einer orientalisch-synkretischen Heilslehre zu schaffen hatte, nicht unbeantwortet bleiben. Denn zu groß ist die Gefahr einer Fehlinterpretation, zumal zahlreiche »Forscher« immer noch
  hartnäckig nach schlüssigen Indizien für eine bisher nicht beweisbare Geheimlehre suchen. Des vermeintlichen Rätsels Lösung scheint Baltrusaitis entdeckt zu haben.
Das christliche Abendland zeigt eine außerordentliche Vorliebe für aus der Antike stammende geschnittene Edelsteine, denen wundersame Kräfte zugeschrieben wurden. Bereits im frühen Mittelalter schmückte man Reliquiare bevorzugt mit Gemmen, in denen exotische Tiere oder antike Gottheiten eingeschnitten waren. Diese sonderbare Praxis läßt sich dadurch erkären, daß solche eingeschnittenen Figuren aus der griechischen Mythologie

fälschlicherweise für Gestalten der Bibel gehalten wurden. Dementsprechend bezeichnete man die Gemmen als »Steine Israels« - sie galten nicht als Menschen- werk, sondern als eine Art Naturwunder, wie selbst Albertus Magnus von einer Kamee berichtet, die den weltberühmten Dreikönigsschrein im Kölner Dom zierte: Est a natura, non ab arte. Sogar Matthaeus Parisiensis zeigte sich von den gravierten Gemmen fasziniert - er legte persönlich ein umfassendes Verzeichnis aller im Besitz seines Klosters St. Alban befindlichen Steine an.
Könige und Fürsten verwendeten diese Steine mit dem Abbild heidnischer Götter des öfteren als Privatsiegel, wie etwa Karl
  der Große das Bildnis des Jupiter Serapis. Mit den Bewegungen der Kreuzzüge und ganz besonders nach der gründlichen Plünderung Konstantinopels im Jahre 1204 gelangten große Mengen von diesen Gemmen nach Europa. In Form von Schenkungen oder Stiftungen »frommer« Kreuzfahrer fanden viele davon den Weg in Klöster und Kathedralen, doch wurde auch das Siegeln mit antiken Steinen im 13. Jahrhundert viel populärer als früher. Man benutzte sie vor allem als Gegen- oder Beisiegel contrasigillum secreti, und es haben, sich aus dieser Zeit so zahlreiche Abdrücke verschollener Gemmen erhalten, daß die damit versehenen Briefe auch für Kunsthistoriker vom großem Interesse

sind. Diesen Feststellungen ist auch in dem konkreten Fall des templerischen Abraxassiegel nichts hinzuzufügen und dürfte solcherart das in diesem Zusammenhang aufgetauchte Schein- problem jenes Abbildes geklärt haben.   frei nach Hartwig Sippel Die Templer